Brauchen wir eine Europäische Ratingagentur?

Im ersten Teil des Beitrages finden Sie aktuelle und interessante Informationen rund um die Themen Rating und Ratingagenturen.

Im zweiten Teil beschäftige ich mich mit der immer wieder gestellten Frage, ob Europa eine eigene und selbstständige Ratingagentur benötigt.

Aktuelle Informationen aus der Ratingbranche

Abschlussbericht der Europäischen Kommission zur Ratingagenturen-Verordnung

19.07.2016: Die Europäische Kommission hat die Abschlussberichte zu zwei Studien über die Ratingagenturen-Verordnung (EU) Nr. 462/2013 veröffentlicht.

Die Berichte liegen ab sofort sowohl in einer Langfassung als auch in einer Kurzfassung vor.

Braucht Europa eine eigene und eigenständige Ratingagentur?

Drei Ratingagenturen dominieren seit langem den Markt für die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Firmen, Banken und Staaten. Standard & Poor’s, Fitch und Moody’s lauten ihre Namen.

Schon während der ersten deutlichen Anzeichen der Finanzkrise im Frühjahr 2007, spätestens jedoch seit Beginn der Euro-Krise um das Jahr 2009, werden die drei Großen des Rating-Markts überschwemmt von einer Kritikflut aus dem europäischen Raum, die mit jedem neu veröffentlichten Rating höhere Wellen schlägt.

Amerikanische Ratingagenturen für die Finanzkrise mitverantwortlich

Zur Erinnerung: Es sind hauptsächlich zwei Vergehen, die den Agenturen angelastet werden. So seien sie für die Entstehung beider Krisen in hohem Maße mitverantwortlich, weil sie in den Jahren 2007 bis 2010 eine Reihe äußerst risikobehafteter und unsicherer Wertpapiere unverdient hoch bewertet und damit eine Sicherheit vorgetäuscht hätten, die nie den Tatsachen entsprochen habe.

Bei Ausbruch der Finanzkrise gehörten diese Anlagen dann zu den ersten, die zusammenbrachen und ihre Investoren mit sich rissen, die dank der hohen Ratings überaus zahlreich waren.

Amerikanische Ratingagenturen sind politisch nicht neutral

Der zweite Kritikpunkt betrifft das Verhalten nach Ausbruch der Euro-Krise. 2009 wurde Griechenland als erster Staat im Euro-Raum herabgestuft, seitdem haben vor allem Moody’s und S&P die Kritikwürdigkeit zahlreicher weiterer Länder gesenkt, zuletzt die Italiens vor wenigen Tagen.

Der Vorwurf lautet, viele dieser Herabstufungen seien politisch motiviert gewesen, denn alle drei Agenturen stammen aus den USA. Deren wirtschaftliche und machtpolitische Interessen bestünden unter anderem in einem lieber schwächeren als stärkeren Europa.

Die speziellen Europäischen Interessen werden nicht berücksichtigt

Die Agenturen beförderten diese Interessen, indem sie keine Rücksicht auf die europaweiten Konsequenzen ihrer Bewertungen nähmen, wichtige Kriterien unbeachtet ließen und zudem besonders ungünstige Zeitpunkte für die Veröffentlichung ihrer Herabstufungen wählten.

Bisherige Anstrengungen, an dieser Marktbeherrschung etwas zu ändern, blieben allesamt erfolglos, obwohl insbesondere in politischen Kreisen weiterhin reges Interesse an einer unabhängigen, europäischen Bewertungsagentur bekundet wird. Was macht ein solches Unterfangen so schwierig?

Vieles wird von einer europäischen Ratingagentur erwartet

Ob die Vorwürfe politisch motivierter Ratings berechtigt sind oder nicht, eine europäische Agentur wird in einem Konfliktfall kaum die Interessen der US-Regierung über die der Europäischen Union und ihrer Staaten stellen, und zwar selbst dann nicht, wenn sie als privat geführtes Unternehmen realisiert würde.

Hätte die Agentur ihren Sitz in Europa, wäre es zudem deutlich einfacher, europäisches Recht geltend zu machen, dem viel kritisierten Mangel an Kontrolle und Verfahrenstransparenz könnte so wesentlich besser entgegengesteuert werden.

Eine Agentur, die den drei US-amerikanischen Markbetherrschern Konkurrenz machen kann, würde in jedem Fall dem Wettbewerb zugutekommen und festgefahrene Strukturen im Finanzsektor auflockern.

Wettbewerb im Markt der Ratingagenturen ist bisher Fehlanzeige

Das ist auch dringend nötig: Zurzeit sind die europäischen Staaten vollständig abhängig vom faktischen Oligopol aus S&P, Fitch und Moody’s und damit auch an deren Konditionen und das gängige Bezahlmodell gebunden.

Einer fragwürdigen politischen Motivation sind die Staaten Europas hilf- und alternativlos ausgeliefert. Dagegen würden die Agenturen mit steigender Konkurrenz, noch dazu aus dem Ausland, gezwungen, die eigenen Dienstleistungen attraktiver zu gestalten.

Insbesondere das aktuelle Bezahlmodell wirft viele Fragen auf

Insbesondere das aktuell verbreitete Bezahlmodell, so die Hoffnung europäischer Politiker, könnte von einem Stiftungs- oder investorseitigen Modell verdrängt werden.

Im Moment erhalten die Ratingagenturen ihre Einnahmen von den Emittenten einzelner Wertpapiere, den Firmen also, deren Finanzleistungen sie bewerten sollen. Eine objektive und kritische Bewertung ist auf diese Weise oft nicht sichergestellt.

Würden die Agenturen stattdessen mit dem Geld der Investoren oder aus einer unabhängigen Stiftung finanziert, dürfte man zweierlei erwarten. Zum einen hätte keine Agentur mehr ein Interesse daran, die Bewertungen zu beschönigen, denn daraus ergebe sich kein Vorteil für die neuen Geldgeber.

Neue Bezahlmodelle könnten mehr Transparenz befördern

Eher noch träte das Gegenteil ein: die Anlagen würden nun kritischer bewertet, ganz im Sinne der Investoren. Zum anderen verschwände ein wichtiges Motiv gegen ein transparentes Benotungsverfahren.

Denn die alternative Finanzierung erschwere Gefälligkeitswertungen und andere unlautere Geschäftspraktiken, die man sonst hätte verbergen wollen. Es ist also diese Hoffnung, auf der die Etablierung einer europäischen Ratingagentur fußt.

Die Abhängigkeit von drei marktbeherrschenden Agenturen, die noch dazu ihren Firmensitz im gleichen Land haben, würde aufgebrochen, transparente und faire Bewertungen ersetzten politisch motivierte, undurchsichtige Verfahren und unzuverlässige Benotungen, alternative Bezahlmodelle verhinderten Gefälligkeitswertungen.

Interesse außerhalb der Politik bisher kaum vorhanden

Einiges spricht gegen den Erfolg einer europäischen Bewertungsagentur. An erster Stelle steht das mangelnde Interesse der Privatwirtschaft, die allem Anschein nach keine Notwendigkeit für eine Ratingagentur aus Europa sieht.

Deutlich zu sehen ist dies an den kürzlich gescheiterten Versuchen der Unternehmensberatung Roland Berger, eine solche Agentur ins Leben zu rufen.

Etwa die Hälfte der benötigten 300 Millionen Euro sollten private Unternehmen zur Verfügung stellen, trotz aller Bemühungen ließen sich kaum Geldgeber finden.

Europäische Wirtschaft arrangiert sich bisher mit der Situation

Dabei ist eine Ratingagentur auf genau diese Unternehmen angewiesen, wenn sie sich neben den „Großen“ zu etablieren hofft. Eine europäische Alternative wird niemals zu einer einflussreichen Konkurrenzmacht, wenn sie zwar die Politik, aber nicht die Wirtschaft hinter sich hat.

Genau das scheint aber der Fall zu sein. Es verwundert auch nicht: Welchen Vorteil sollte ein Privatunternehmen am alternativen Bezahlmodell für Ratingagenturen haben?

Der Status Quo erlaubt schwächeren Unternehmen, stärker auszusehen, als sie tatsächlich sind. Von einer solchen Möglichkeit trennt man sich nur widerwillig.

Auch eine politisch motivierte Negativbewertung scheint in der Privatwirtschaft niemand zu fürchten. Was an einem Firmensitz in Europa zunächst wie ein Vorteil klingt, kann schnell in Misstrauen umschlagen, denn wenn den US-Agenturen politische Motive unterstellt werden können, dann in umgekehrter Weise auch einer europäischen Ratingagentur.

Sobald Betriebe aus Europa den Verdacht hegen, sie würden von einer Bewertungsagentur aus dem gleichen Raum bevorzugt bewertet, leidet die Seriosität der Agentur, private Kundschaft schwindet. Kein Newcomer kann sich das erlauben.

Europäische Ratingagentur auf Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik angewiesen

Entscheidend für das Zustandekommen und den Erfolg einer europäischen Agentur ist die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik. Die scheint aber zurzeit in den wichtigsten Punkten nicht gegeben zu sein.

Es besteht aber Hoffnung: Die Unzufriedenheit über die aktuelle Situation betrifft überwiegend die Bewertungen der Bonität von Staaten.

Erfolg hat möglicherweise ein Vorhaben, wie es die Bertelsmann-Stiftung zurzeit anstrebt. Sie hat vor, ein Agenturmodell zu etablieren, die keine Unternehmen, sondern nur Länder bewertet.

Auf die Bewertung von Staaten spezialisiert, kann eine Ratingagentur sich so durchaus Wettbewerbsvorteile beschaffen, weil sie auf die speziellen Anforderungen im Umgang mit privaten Unternehmen keine Rücksicht zu nehmen braucht, während sie ihre Ressourcen voll und ganz dafür einsetzen kann, einen festen Platz im Markt um die Bonitätsprüfung der verschiedenen Staatsanleihen zu erarbeiten.