Die Kollegiale Beratung in Unternehmen

Selbst bei intensiven Recherchen findet sich keine allgemein gültige Definition der Kollegialen Beratung, da sie nicht existiert. Die Methode kann als eine professionelle und lösungsorientierte Selbsthilfeberatung bezeichnet werden. Bereits seit den 1970er Jahren wird das Konzept in Deutschland diskutiert und eingesetzt.

Was versteht man unter Kollegialer Beratung?

Fach- und Führungskräfte mit einem ähnlichen beruflichen Background treffen regelmäßig zum systematischen Gespräch nach einer vorgegebenen Struktur zusammen.

Kollegiale Beratung soll bei fachlichen Anliegen helfen, eine Lösung zu finden, wobei der Erfahrungsaustausch durch Gleichgestellte erfolgt und auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortlichkeit beruht.

Um ein hemmungsloses Arbeiten zu ermöglichen, ist die Verpflichtung zur Verschwiegenheit zwischen den Teilnehmern wesentlich.

Eine feste Rollenveteilung gibt es nicht

In jeder Beratungseinheit wechseln die Teilnehmer ihre Rolle, völlig unabhängig von sonstigen Hierarchien. Der Ansatzt dient dazu, den Beteiligten zu ermöglichen, die eigenen Ressourcen zur Entfaltung zu bringen, indem sich die Gruppenmitglieder gegenseitig beraten.

So werden das Wissen und die Erfahrung aller genutzt. Schwierige Fälle des Berufsalltags mit Mitarbeitern oder Kunden werden miteinander systematisch aufgearbeitet, das führt zu qualifizierten Führungskräften, Entscheidungsträgern oder Projektleitern.

Jeder profitiert vom Wissen der Anderen

In der Praxis sieht es so aus, dass sich eine Gruppe von mindestens 5 Teilnehmern zu mehreren Sitzungen trifft, um gemeinsam ihre berufliche Situation zu analysieren und sich gegenseitig zu unterstützen.

Der Ratsuchende teilt seinen Kollegen ein Thema mit, um deren Kompetenzen für sich zu nutezn. Mit fünf bis zehn Personen ist der Prozess gut bewältigbar. Für einen Durchgang sollte man etwa eine Stunde einplanen.

Ein abgesprochenes, für alle verbindliches Ablaufverfahren ist ein Grundstein für ein befriedigenden Ergebnis. Die Verbindlichkeiten hinsichtlich der formalen Kriterien grenzen diesen Ansatz von informellen Gesprächen ab.

Die Vorteile der Kollegialen Beratung

Das Verfahren setzt unmittelbar an der Basis an, deshalb ist es relativ kostengünstig und kann spezifische Gegebenheiten berücksichtigen. Die Runde kann sich kurzfristig und selbstverantwortlich beraten. Es gibt keine professionelle Leitung, auch das spart Kosten.

Die Verantwortung für das Ergebnis bleibt bei der Gruppe, deshalb profitieren die Beteiligten durch die Stärkung von Eigenverantwortlichkeit und durch die Erweiterung ihrer kommunikativen Fähigkeiten.

Auf Grund der verschiedenen Beratungsmodule, empfinden die Teilnehmer die kollegiale Beratung kurzweilig und abwechslungsreich. Zudem kann auf viele Beratungsanliegen eingegangen werden.

Die Grenzen der kollegialen Beratung

Wo immer Menschen direkt miteinander arbeiten, sind Diskrepanzen und sogar Konflikte mit Personen aus dem Umfeld kaum vermeidbar. Diese lassen sich nicht mit Hilfe dieser Beratung lösen.

Hier ist die Teilnahme an einer professionellen Supervision zu empfehlen. So auch im Rahmen des Prozesses der kollegialen Beratung, wenn Unstimmigkeiten zwischen den Teilnehmern auftreten.

Die Methode versteht sich nicht als Ersatz für fachliche Nachqualifizierung

Auch wenn die kollegiale Beratung relativ einfach umzusetzen ist, der Teufel steckt oft im Detail. Für Einsteiger empfiehlt sich daher die Orientierung an einem Leitfaden. Sind die Voraussetzungen für alle Beteiligten klar abgesteckt, steht einer erfolgreichen Beratung nichts mehr im Weg.

Die 6 Phasen der kollegialen Beratung

Der Beratungsprozess durchläuft sechs festgelegte Phasen, in denen die Beteiligten verschiedene Aufgaben erfüllen und die sich klar voneinander unterscheiden.

Phase 1: Das Casting

Jeder Gruppenteilnehmer hat eine Rolle zu übernehmen, wobei ein Moderator, ein Fallerzähler und mehrere kollegiale Berater die Hauptrollen darstellen. Im Casting werden zudem die Nebenrollen Protokollant oder Sekretär und Beobachter besetzt.

Die Gruppe bestimmt zunächst den Moderierenden. Dieser leitet durch die weiteren Phasen. Seine Aufgabe besteht auch darin, darauf zu achten, dass sich die Gruppe an die Regeln hält, seine Rolle ist daher sehr besonders.

Das Inhaltliche hat der Moderator nicht zu kommentieren. Aufgabe des Sekretärs ist es, in der Beratungsphase den Fallerzähler zu unterstützen, damit sich dieser ausschließlich auf die Inhalte konzentrieren kann.

Phase 2: Die Spontanerzählung

In dieser Phase leitet der Moderator den Fallerzähler durch aktives Zuhören und gezieltes Nachfragen an, sein Problem darzustellen. Es findet ein Gespräch zwischen Fallerzähler und dem Moderatoren statt. Dafür hat er etwa 10 Minuten Zeit und berichtet „aus dem Stand“ ohne Vorbereitung. Dennoch orientiert er sich an wesentlichen Leitfragen.

Ziel ist es, dass die Berater nach aufmerksamen Zuhören ihr ganz eigenes Bild der Situation erhalten, vor allem durch das subjektive Schildern der Situation durch den Fallerzähler, ohne sich dabei zu rechtfertigen. Erst am Ende können sie 2 bis 3 Anliegen stellen, die aber noch keine Lösungsansätze enthalten sollen.

Phase 3: Die Schlüsselfragen

Die dritte Phase ist von großer Bedeutung und Wesentlichkeit. Alle Beteiligten sollen in dieser eigenständigen Periode daher besonders aufmerksam und sorgfältig vorgehen.

Auf Grund der Frage des Moderators formuliert der Fallerzähler die Schlüsselfrage, also den konkreten Klärungswunsch. Die Schlüsselfrage formuliert das Ziel des Fallgebers für diese Beratung. Falls der Fallerzähler Probleme damit hat, kann eine Schlüsselfrage gemeinsam erfunden werden.

Phase 4: Die Methodenwahl

Nun ist es an der Zeit, ein Beratungsmodul unter Anleitung des Moderators zur Bearbeitung der Schlüsselfrage auszuwählen. Die Beratung kann dadurch differenziert gestaltet werden. Vorschläge können vom Fallerzähler, aber auch von den übrigen Beteiligten kommen.

Die endgültige Entscheidung hat der Moderierende zu treffen. Durch die Methodenwahl kommt die kreative Komponente nicht zu kurz. Die Methodenwahl nimmt circa 5 Minuten in Anspruch.

Phase 5: Die Beratung

Ohne Beteiligung des Fallerzählers formulieren die Berater ihre subjektiven Wahrnehmungen. Circa 10 Minuten lang werden Umstände, Ursachen und Lösungsansätze diskutiert. Die jeweiligen Beiträge werden von einem „Sekretär“ protokolliert.

Der Berater hat darauf zu achten, dass die Schlüsselfrage nicht aus den Augen verloren geht. Aufgabe des Moderators ist es darauf zu achten, dass die einzelnen Beiträge nacheinander und ruhig vorgebracht werden können.

Phase 6: Abschluss und Ausblick

Der Fallerzähler zieht in dieser Phase Bilanz und gibt, wenn er möchte, ein persönliches Feedback ab. Dabei geht der Moderierende auf den Fallerzähler zu. Jede Sitzung sollte durch eine kurze Reflexion beendet werden.

Die Sitzung kann aber auch dadurch enden, dass sich der Fallerzähler für keinen der gemachten Lösungsvorschläge erwärmen kann. Der Moderator schließt die Runde mit Dankesworten ab und es könnte die nächste Runde beginnen.

Die Methoden der kollegialen Beratung

Im Rahmen dieses Beratungsansatzes können unzählige verschiedene Methoden zum Einsatz kommen. Wesentlich ist die Methodendisziplin. Diese kann als elementarer Bestandteil des Konzepts bezeichnet werden. Hier findet man eine Auswahl der gängigsten Methoden, wobei auch die Disney-Methode oder Reflecting Team in Frage kommen.

1. Das Brainstorming

Das klassische Brainstorming ist vielen bekannt und wird verwendet, um möglichst viele Ideen zur Falllösung zu sammeln.

2. Das Kopfstand-Brainstorming

Die Kopfstand-Methode regt die Beteiligten zu einem ungewohnten Denken an, denn die Schlüsselfrage wird genau ins Gegensteil verkehrt. Das Problem wird sprichwörtlich auf den Kopf gestellt. Der Moderator schlägt eine Kopfstand-Schlüsselfrage vor.

3. Die Schlüsselfrage (er)finden

Oft kann der Fallerzähler nicht gleich auf Grund der Spontanerzählung eine Schlüsselfrage formulieren. Die Berater können selbst Fragen vorschlagen, der Fallgeber bewertet sie mit „kalt“, „warm“ oder „neutral“.

4. Das Actstorming

Wendet man Actstorming an, dann wird eine eher problematisch erlebte Szene immer wieder gespielt. Ähnlich dem Brainstorming geht es darum, möglichst viele Ideen für ein mögliches Verhalten oder eine mögliche Reaktion zu sammeln. Die methodische Variante des Rollenspiels eignet sich vor allem dann, wenn der Fallerzähler eine Idee braucht, wie er sich gegenüber einer bestimmten Person verhalten soll.

5. Die Resonanzrunde

Auch für Gefühle und Gedanken ist im Rahmen der kollegialen Beratung platz. Die Resonanzrunde ermöglicht den Teilnehmern auszudrücken, was sie beim Hören des Spontanberichts empfunden haben. Sie können ein ehrliches Feedback abgeben.

6. Gute Ratschläge

Mittels guter Ratschläge werden Empfehlungen für den weiteren Lösungsweg gesammelt. Die Berater formulieren ihren Ratschlag etwa dergestalt: „Ich empfehle dir…..“, „Mein Tipp an dich wäre….“. Die sonst oft als negativ empfundene Belehrung wird hier bewusst angewandt.

Fallbeispiele für die Kollegiale Beratung

In der kollegialen Beratung geht es hauptsächlich um Aspekte der Kommunikation, Interaktion und Kooperation. Im Bereich des modernen Managements ist sie bereits ein klassisches Karrrieretool geworden und vor allem für die Führungskräfteentwicklung unverzichtbar.

In Zeiten wirtschaftlicher Krisen stehen Unternehmer oftmals vor der unangenehmen Situation, einem Auftragsrückgang mittels Kurzarbeit begegnen zu müssen. Nicht nur die Manager beschäftigt der richtige Weg aus der Krise.

Die Lösungsansätze sehen oftmals unterschiedlich aus. In einem deratigen Fall sorgt die kollegiale Beratung für emotionalen Rückhalt und hilft, mit einem klaren Kopf konstruktive Lösungen zu finden.

Führungskräfte stehen im Arbeitsalltag auch manchmal vor der Herausforderung, neuen Mitarbeiter bei der Integration in ein bestehendes Team zu helfen, wobie die kollegiale Beratung hilfreiche Dienste leisten kann.