Das klassisch-neoklassische Modell des Arbeitsmarktes

Die folgende Arbeit wird sich mit der Frage des Arbeitsmarktmodells in der klassischen beziehungsweise neoklassischen Volkswirtschaftslehre beschäftigen.

Wie die Themenstellung bereits nahelegt, kann es nicht das Ziel der Arbeit sein, eine erschöpfende Darstellung und Diskussion des Themas vorzunehmen.

Dafür ist das Ideengebäude der Klassik und der Neoklassik zu umfassend wie auch zu uneinheitlich. Vielmehr ist es das Ziel, eine überblickende Darstellung über das zu geben, was die Klassik und die Neoklassik jeweils in ihrem Kern charakterisiert.

Einleitung

Dass es sich hierbei nicht um eine rein historische Arbeit handeln kann, beweisen gerade die aktuellen Diskussionen über die Ausgestaltung und mögliche weitere De-Regulierung oder auch Re-Regulierung des Arbeitsmarktes in Deutschland.

Vor dem Hintergrund der anhaltend hohen tatsächlichen Arbeitslosigkeit werden eine Vielzahl von möglichen Lösungsvorschlägen diskutiert.

Nicht selten sind die propagierten Meinungen eher Ausdruck der politischen Heimat der jeweiligen Person als wirklichen Sachverstandes.

An die Stelle der beiden Großideologien des Kalten Krieges ist die Auseinandersetzung um die Frage, ob ein Mehr oder ein Weniger an Markt erforderlich ist, getreten.

Der Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus verleitete viele Politiker wie Wissenschaftler dazu, dem Kapitalismus eine strukturelle Überlegenheit zu unterstellen.

Die enormen weltweiten sozialen Verwerfungen, ausgelöst durch die Entwicklungen der Deregulierung und der Globalisierung der internationalen Finanzmärkte, lassen diese Annahme heute bereits als äußerst zweifelhaft erscheinen.

Durch diese Entwicklungen hat sich eine Spirale in Gang gesetzt, die durch die nationalen Regierungen kaum noch zu kontrollieren und zu steuern ist. In der Folge kommt es zu einem fortschreitenden Sozialabbau in den entwickelten Industrieländern und damit zu einer zunehmenden Öffnung und Deregulierung der Arbeitsmärkte.

Waren die großen Unternehmen noch bis in die 1980er Jahre hinein Garanten für sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze, der Entstehungsvoraussetzung einer breiten Mittelschicht, so sind sie unter den Renditeforderungen der global agierenden Fondgesellschaften zu den größten Arbeitsplatzzerstörern unserer Zeit geworden.

Trotz mahnender Stimmen aus den Wissenschaften und einem zunehmenden Widerstand auf der Straße wurde das Projekt Globalisierung vorangetrieben, wobei die Finanzmärkte den dynamischsten Vorreiter bildeten.

In der Auseinandersetzung um diese Fragen werden immer wieder zwei wesentliche volkswirtschaftliche Denkrichtungen in die Diskussion geworfen: die Klassik/Neoklassik und der Keynesianismus.

Obwohl sich in der Volkswirtschaftslehre eine Vielzahl von Theorien, gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, entwickelt hat, beeinflussen diese beiden Denkfiguren bis heute die wirtschaftswissenschaftliche Theoriebildung wie auch die Auseinandersetzung um praktische Fragen der Wirtschaftspolitik.

An diesem Punkt ist auch und gerade die Soziologie gefragt, ihren Beitrag zur Entwicklung erklärungsfähiger Theorien zu leisten. Stichworte wie Risikogesellschaft, Jobnomadentum, Öffnung der Arbeitsmärkte oder Erosion des Normalarbeitsverhältnisses weisen dabei die Richtung auf dem noch dürftigen Pfad der Erkenntnis.

Ein Grund für die Schwierigkeit, eine erklärungsfähige Theorie zu entwickeln, ist sicherlich die Unfertigkeit dieses Entwicklungsprozesses. Hinzu kommt die Kompliziertheit dieser Entwicklung, ausgelöst durch seine technische wie internationale Dimension.

Theorien sind nie voraussetzungslos. Vielmehr entstehen sie in einem bestimmten Kontext und auf der Basis bestehenden Wissens. Deshalb werde ich in einem ersten Kapitel auf die Vorläufer der Klassik eingehen.

Es schließt sich eine Betrachtung über die wesentlichen Vertreter der Klassik, insbesondere ihres “Gründungsvaters” Adam Smith, an.

Darauf folgend wird es um die Grundgedanken und Grundannahmen des klassischen Modells gehen. Der Arbeitsmarkt in der klassischen Theorie ist Gegenstand des letzten Teils des ersten Kapitels.

Im zweiten Teil der Arbeit wird es um die Neoklassik als eine Erweiterung des klassischen Modells gehen. Auch hier werde ich die wesentlichen Vertreter vorstellen. Danach geht es um die Frage, warum und in welchen Punkten die Neoklassik eine Erweiterung der Klassik darstellt.

Abschließend wird es um das Modell des Arbeitsmarktes in der Neoklassik gehen. In der Schlußbetrachtung wird es darum gehen, einige der Kritikpunkte, welche gegen die Neo/Klassik angeführt werden, näher zu betrachten.

Hauptteil

1. Die Klassik

Das folgende Kapitel wird sich mit der Entwicklung des klassischen ökonomischen Denkens befassen. Da die Entstehung von Ideen als Prozess zu verstehen ist, der durch Zäsuren allenfalls seine Konturierungen erhält, werde ich in einem ersten Teil auf die Vorläufer der Klassik eingehen.

Die folgenden Teile behandeln schließlich die Klassik selbst, wobei der Schwerpunkt auf ihrem Beitrag zur Theorie des Arbeitsmarktes liegen wird.

1.1. Die Vorläufer der Klassik

Die Konfrontation des Menschen mit wirtschaftlichen Belangen und Fragestellungen ist so alt wie das Menschengeschlecht selbst. Bereits der Mensch der Frühzeit kannte und nutzte die Vorteile einer arbeitsteiligen Wirtschaftsweise.

Ohne einen Begriff von rationalem Handeln zu haben, wurden Arbeiten geschlechterspezifisch, beziehungsweise altersspezifisch auf alle Mitglieder der Gruppe verteilt.

Was von Smith im 18. Jahrhundert als eine der Triebkräfte der wirtschaftlichen Entwicklung beschrieben werden sollte, ist somit so alt wie der Mensch selbst.

Ein systematisches Nachdenken über ökonomische Fragen ist allerdings erst in der Epoche der “Attischen Philosophie”, dem Ausgangspunkt abendländischen Denkens, zu finden (Ziegler 1998: 62). Ihre maßgebliche Prägung erfuhr diese Epoche durch das Dreigestirn Sokrates (470 bis 300), Platon (427 bis 347) und Aristoteles (384 bis 323).

In Platons “Politeia” finden sich Gedanken über den Vorzug der Arbeitsteilung sowie das Wesen der Geldwirtschaft. Aristoteles dachte bereits über Fragen des Geldes und des Zinses nach.

Auch beschäftigte er sich mit Fragen des Warenaustausches, menschlichen Bedürfnissen und der Führung einer guten Hauswirtschaft.

Bei beiden Denkern standen dabei eher staatspolitische sowie sittlich-moralische Überlegungen im Vordergrund.

Die Wirtschaft wurde nicht als ein autonomer Teil des Staates betrachtet, vielmehr war sie fest in diesen verankert. Der Wirtschaft wurden demzufolge keine eigenen Gesetzmäßigkeiten zugesprochen, noch spielten individuelle Werte eine Rolle (Ziegler 1998: 65 ff.)

Dies war ein Gedanke, den in späteren Jahrhunderten Scholastiker und Naturrechtsphilosophen, im Zuge der Rezeption vor allem der aristotelischen Werke, teilen sollten. Herauszuheben ist hierbei Thomas von Aquin (1225 bis 1274), welcher sich mit Fragen der Handelstätigkeit, aber vor allem dem Wesen des Zinses, beschäftigte.

Er bewertete den Zins als etwas dem christlichen Glauben zuwider Laufendes und lehnte ihn als eine Form des Wuchers ab (Ziegler 1998: 76). Dieser Gedanke sollte die europäische Sicht ökonomischen Denkens über einige Jahrhundert hinweg prägen.

Eine systematische Beschäftigung mit ökonomischen Fragen unter ökonomischem Blick war das mitnichten. An diesem Punkt setzte eine Vielzahl von Autoren an, die sich mit praktisch-politischen Fragen der Wirtschaftsführung, der Staatsverwaltung, der Landwirtschaft, dem Bank- wesen und der Außenhandelswirtschaft auseinandersetzte (Felderer/Homburg 2003: 21).

Gegenstand dieser Beschäftigung war weniger die theoretische Auseinandersetzung mit Fragen der Ökonomie. Vielmehr ging es um die Erfassung von Tatsachenwissen zur Hebung und besseren Verwaltung der fürstlichen Einnahmen.

Aus dem italienischen camera für fürstliche Schatz-kammer leitete sich sodann der Begriff Kameralisten für die deutschen Vertreter dieser Zunft ab.

Im allgemeinen werden die Verteter dieser Richtung als Merkantilisten bezeichnet. Ihre Wirkungszeit reicht vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein.

Ihre zentrale Frage ist die Frage nach der Quelle des nationalen Reichtums sowie den Methoden zur Hebung desselben. Als nationaler Reichtum wird von ihnen dabei die Summe der Güter angesehen, die zur Durchführung der staatlichen Machtpolitik zur Verfügung stehen (Ziegler 1998: 78)

Eine erste theoretische Beschreibung wirtschaftlicher Kreislaufprozesse nahm der französische Arzt Francois Quesnay (1694 bis 1774) vor (Felderer/Homburg 2003: 22). Er ist zugleich Gründer wie Haupt einer heute als Physiokraten bezeichneten Schule ökonomischen Denkens.

In Übertragung des menschlichen Blutkreislaufes auf die Ökonomie stellte er eine kreislauftheoretische Betrachtung der verschiedenen Formen von Güter- und Geldbewegungen auf.

Ein wesentlicher Vorläufer der Klassik ist Richard Cantillon (1680 bis 1734). Er beschäftigte sich ausführlich mit dem Problem der Güterverteilung und zeigte, wie die Nachfrage über eine Änderung der relativen Preise die Zusammensetzung der volkswirtschaftlichen Produktion beeinflußt (Felderer/Homburg 2003: 23).

Er kann als einer der ersten systematischen Quantitätstheoretiker angesehen werden, der in seinem Wirken einen starken Einfluß auf Adam Smith ausübte.

1.2. Die wesentlichen Vertreter der Klassik

Mit dem Jahr 1770 beginnt die eigentliche Zeit der heute als Klassik benannten Periode ökonomischen Denkens. In diesem Jahr veröffentlichte der schottische Professor für Moralphilosophie, Adam Smith, sein bis heute als Grundlagenwerk geltendes Buch “An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations”.

Zum einen bedeutend sind die eigenen analytischen Beiträge des Autors, zum anderen nahm er eine durchgreifende Konsolidierung der vorhandenen Erkenntnisse vor (Felderer/Homburg 2003: 22).

Mit dieser Arbeit trug er wesentlich zur Begründung der Ökonomie als eigenständige Wissenschaft bei. Neben Smith sind vier weitere wesentliche Vertreter der klassischen Ökonomie zu nennen (vgl. Ziegler 1998: 112 ff.). Thomas Malthus (1766 bis 1834), Jean Baptiste Say (1767 bis 1832), David Ricardo (1772 bis 1823) sowie John Stuart Mill (1806 bis 1873).

Malthus wurde insbesondere durch seine bevölkerungsökonomischen Überlegungen berühmt. In diesen stellte er den Gedanken einer geometrisch wachsenden Bevölkerung bei gleichzeitig lediglich arithmetisch zunehmender Nahrungsmittelproduktion auf.

In der Folge sollte die menschliche Entwicklung durch permanente Not gekennzeichnet sein. Say tat sich vor allem durch die Systematisierung und Popularisierung der Smithschen Lehre hervor.

Auch geht auf ihn das nach ihm benannte Saysche Theorem zurück, auf das ich noch näher eingehen werde.

Ricardo war ein Vertreter der Arbeitswertlehre und beschäftigte sich ins- besondere mit Fragen der Allokation. Einer seiner wesentlichen Beiträge ist die Grundrententheorie. Auch beschäftigte er sich mit quantitätstheoretischen Überlegungen.

Mill gilt als der letzte Vertreter der Klassischen Lehre. Konfrontiert mit den negativen Folgen der Liberalisierung des Handels, beschäftigte er sich unter anderem mit der Frage einer gerechten Einkommensverteilung innerhalb der Gesellschaft.

Herrschten bei der Produktion Zusammenhänge, die beinahe den Charakter von Naturgesetzen trugen, zum Beispiel das Gesetz des abnehmenden Grenzertrags, so haben für ihn Gesellschaften bei der Einkommensverteilung beträchtliche Gestaltungsfreiheiten.

1.3. Die Grundgedanken des klassischen Models

Wie in der Einleitung bereits geschrieben, ist die Klassik kein einheitliches Ideengebäude. Darin liegt ein gewisses Problem, sie auf einigen wenigen Seiten prägnant darzustellen.

Aus diesem Grund werde ich mich auf die wesentlichen Aspekte einiger ihrer Vertreter beschränken. Auch ist der Übergang zwischen den Kapiteln Grundgedanken und Arbeitsmarkt fließend.

Smith`s Werk ist vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit den Gedanken des Merkantilismus zu sehen. Der an den Bestand des absoluten Staates gebundene Merkantilismus wurde von vielen bürgerlichen Zeitgenossen als überholt angesehen.

Man war nicht länger bereit, ein Systen hinnehmen, daß die ökonomischen Interessen des Einzelnen staatlicherseits entweder begünstigte oder beschränkte (Ziegler 1998: 94).

In der Folge wurde das merkantile System abgelöst, und der Ökonomie wurden eigene spezifische Gesetze zugesprochen.

Dem System der staatlichen Beeinflußung der Wirtschaft stellte Smith seinen Entwurf eines Systems der natürlichen Freiheit entgegen. Smith war seiner wissenschaftlichen Herkunft nach Moralphilosoph. Ihm ging es daher weniger um eine technische Beschreibung ökonomischer Zusammenhänge.

Er rückte die Frage nach der Wirtschafts- weise vielmehr in einen philosophischen und phsychologischen Zusammen- hang. Die wesentlichen Triebkräfte der Wirtschaft sind deshalb für ihn das Streben des Einzelnen nach Eigennutz und die Steuerung des Marktes über die sogenannte unsichtbare Hand. Smith (1991: 20) schreibt hierzu:

“It is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker, that we expect our dinner, but from their regard to their own interest. We address ourselves, not to their humanity but to their self-love, and never talk to them of our own necessities but of their advantages.”

Dem Egoismusprinzip steht nach Smith in einer funktionierenden Marktwirtschaft das Konkurrenzprinzip gegenüber. Dieses verhindert, dass die Verfolgung des individuellen Eigennutzes zu Lasten anderer geht (Schmid 1984: 101).

Der Gedanke der “invisible hand”, dem allen Märkten zu Grunde liegenden Steuerungsmechanismus, sollte eine der wesentlichen Denkfiguren der klassischen Ökonomie werden.

Die “unsichtbare Hand”, welche das Verhalten auf den Märkten steuert, ist am besten als das Zusammentreffen der Konsumentenwünsche wie der Produzentenwünsche zu verstehen.

Der so entstehende Markt ist allerdings eine abstrakte und anonyme Vorstellung. Er etabliert sich, ohne das die Marktteilnehmer einen Einfluss auf ihn nehmen können.

Auch systematisierte Smith die bestehende quantitätstheoretische Kritik an der merkantilistischen Auffassung, der Wohlstand einer Nation bestehe in ihren Beständen an Geld, Gold oder Silber und sei durch einen Exportüberschuss zu mehren.

Eine reine Erhöhung der Geldmenge, also ein nominales Wirtschaftswachstum, führe zu keiner Mehrung des Volkswohlstandes. Vielmehr zeige sich der Wohlstand einer Nation in der Güterversorgung pro Kopf der Bevölkerung (Ziegler 1998: 104).

Dieser sei in letzter Konsequenz durch den Grad der Arbeitsteilung innerhalb einer Gesellschaft bestimmt. Ihre radikalste Ausprägung sollte die Quantitätstheorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden.

Die von Friedman entwickelte Theorie des Monetarismus stellte die Geldstabilität als das zentrale Element einer guten Geld- und somit Wirtschaftspolitik heraus. Hieran zeigt sich sehr gut die enorme (Nach) Wirkung der Smithschen Ideen.

1.4. Der Arbeitsmarkt in der Klassik

Eine explizite Beschäftigung mit dem Arbeitsmarkt erfolgte in der Klassik kaum. Allgemein wurde der Arbeitsmarkt als ein Markt wie jeder andere gesehen. Der Gedanke, dass der Arbeitsmarkt mehr ist als ein reiner Gütermarkt, ist in der Klassik nicht zu finden.

Dies ist sicherlich auch einem naiven Optimismus geschuldet, der zu hohe Erwartungen an die Befreiung von den Fesseln des Merkantilismus knüpfte.

Auch fehlten die methodischen wie analytischen Konzepte zu einer besseren Untersuchung. Dieses Defizit sollte dann in der Neoklass behoben werden.

Grundsätzlich besteht der Arbeitsmarkt aus zwei Seiten: der Angebotsseite und der Nachfrageseite.

Die Zusammenführung des Egoismusprinzips mit dem Konkurrenzprinzip bedingt, dass bei strukturellen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt die Arbeitskräfte dorthin gelenkt werden, wo eine Nachfrage nach ihnen besteht (Schmid 1984: 101).

Der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie zu Folge kommt es auch auf dem Arbeitsmarkt, zumindest langfristig, zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Steigen in einem Teilarbeitsmarkt auf Grund erhöhter Nachfrage die Löhne, so werden mehr Menschen in diese Berufe gehen.

In der Folge steigt das Angebot, was wiederum sinkende Löhne zur Folge hat. Weniger Menschen werden diese Berufe ergreifen wollen und das allgemeine Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Dieser Allgemeinen Gleichgewichtstheorie liegt das Saysche Theorem zu Grunde.

Es besagt, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft. Say folgend produziert in einer arbeitsteiligen Wirtschaft niemand ohne die Absicht, ein anderes Gut zu erwerben, dass ihm von Nutzen ist oder zur künftigen Produktion beiträgt (Ziegler 1998: 124).

Das Geld ist nur ein Schleier. Tatsächlich werden Produkte somit stets durch Produkte oder Dienstleistungen gekauft. Hier setzte Keynes mit seiner Kritik an, indem er eine grundsätzliche Tendenz zur Hortung in Krisenzeiten beschrieb. Selbst bei sinkenden Preisen üben die Konsumenten Kaufzurückhaltung, was zu einem Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung führt.

In Anlehnung an das von Turgot für die Landwirtschaft formulierte Gesetz des abnehmenden Grenzertrags, beschäftigte sich Ricardo mit dem Produktions- verhalten von Unternehmern.

Er formulierte die Theorie, dass ein Unternehmer so lange mehr produzieren und somit mehr Arbeiter einstellen würde, wie der Verkauf des zusätzlich Produzierten einen zusätzlichen Gewinn einbringt.

Eine genaue Beschreibung dieses Zusammenhanges erfolgte allerdings erst durch die Vertreter der Neoklassik.

Abschließend lassen sich die folgenden Prämissen der Klassischen Theorie formulieren, die zugleich als Forderung an den Staat zu verstehen sind.

1. Der Mensch ist ein homo oeconomicus, das heißt er entscheidet frei und rational. Der Staat hat seinen Bürgern diese Freiheit der Entscheidung zu gewähren.

2. Die ausschließliche Triebfeder des Menschen sich wirtschaftlich zu betätigen ist der Eigennutz. Ihn zu stimulieren und nicht zu unterbinden ist die Aufgabe des Staates.

3. Auf allen Märkten herrscht Wettbewerb. Dass heißt in seiner normativen Dimension, dass der Staat die Aufgabe zugewiesen bekommt, durch eine gute Wettbewerbspolitik Wettbewerbsbeschränkungen zu verhindern.

4. Störungen des Marktgleichgewichts werden durch Preisanpassungen behoben, das heißt Flexibilität ist von entscheidenter Bedeutung

5. Ungleichgewichte auf dem Arbeitsmarkt können nur temporär auftreten.

6. Wettbewerb sorgt dafür, dass Ungleichgewichte rasch abgebaut werden.

2. Die Neoklassik

Eine in der Wissenschaft übliche Abgrenzung der Klassik von der Neoklassik erfolgt durch die sogenannte Marginalistische Revolution. Als Trennpunkt kann die Zeit um 1870 angesehen werden.

Die wohl wesentliche Innovation der Neoklassik stellt der Marginalismus dar, der in Begriffen wie “Grenznutzen” oder “Grenzkosten” seinen Ausdruck findet.

Dieser Ansatz machte es nun möglich, ökonomisches Verhalten auf individuelle Optimierungskalküle zurückzuführen. Es ist gleichsam der Übergang einer makroökonomischen hin zu einer mikroökonomischen Betrachtung der Wirtschaft und ihrer Prozesse, das heißt, dass individuelle Verhalten wird als für den Wirtschaftsprozess ausschlaggebend angesehen (Felderer/Homburg 2003: 25).

2.1. Die wesentlichen Vertreter der Neoklassik

Der Beginn der neoklassischen Epoche wird durch drei Autoren, die unabhängig voneinander und nahezu gleichzeitig die “Marginalistische Revolution” eingeleitet haben, begründet.

Dies sind der Brite William Stanley Jevons (1835 bis 1882), der Österreicher Carl Menger (1840 bis 1921) und der Franzose Leon Walras (1834 bis 1910). Der zentrale Punkt ihrer Überlegungen, so verschieden diese auch sind, ist der Begriff des Grenznutzens.

Der Grenznutzen ist definiert als der auf den Verbrauch einer letzten kleinen Gütereinheit entfallende Nutzen. Mit diesen Überlegungen einher ging eine zunehmende Nutzung der Mathematik als Hilfswissenschaft der Ökonomie. (Felderer/Homburg 2003: 27).

Als weitere Vertreter der Neoklassik sind zu nennen: Irving Fisher (1867 bis 1947), Vilfredo Pareto (1848 bis 1923), Knut Wicksell (1851 bis 1926) sowie Arthur Pigou (1877 bis 1959). Historisch findet die Neoklassik mit Keynes Mitte der 30er Jahre ihr Ende, ideengeschichtlich wirkt sie bis heute fort.

2.2. Die Neoklassik als Erweiterung der Klassik

War das zentrale Anliegen der Klassik die Erklärung der Entstehung, Verteilung und Verwendung eines volkswirtschaftlichen Überschusses, so stand das Allokationsproblem im Mittelpunkt des neoklassischen Interesses.

Eine erste Erweiterung stellt der Übergang von der objektiven zur subjektiven Wertlehre dar. Dieser zur Folge sei der Wert eines Gutes durch seinen Grenznutzen, den er dem Käufer erbringe, bestimmt.

Das neoklassische Model beruht auf den folgenden Grundannahmen (Schmid 1984: 102; Schmid / v. Dosky 1996: 4):

1. Die Haushalte streben nach der Maximierung ihre Nutzenfunktion, welche Konsum und Arbeit als Argumente enthält. Der Konsum steigert den Nutzen, Arbeit vermindert ihn.

2. Die Unternehmen streben nach der Maximierung ihres Gewinns und setzen in der Produktion die Faktoren Arbeit und Kapital ein (die neoklassische Produktionsfunktion).

3. Auf den Märkten herrscht vollkommene Konkurrenz. Es gibt eine Vielzahl von Nachfragern und Anbietern, welche verschwindend klein im Verhältnis zum Markt sind.

Außerdem bestehen keine Beschränkungen des Wettbewerbs und des Marktzutritts. Die verkauften Güter sind homogen.

4. Die Preise sind völlig flexibel und passen sich so an, dass Angebot und Nachfrage immer ausgeglichen werden. Alle Märkte sind ständig geräumt. Die Allokation erfolgt durch den Preismechanismus.

5. Die Wirtschaftssubjekte besitzen vollständige Information (Markttransparenz) .

2.3. Der Arbeitsmarkt in der Neoklassik

Zuerst einmal ist auch für die Neoklassiker der Arbeitsmarkt ein Markt wie jeder andere Markt auch. Demzufolge gelten die oben genannten neoklassischen Grundannahmen uneingeschränkt auch für diesen Markt.

Die Annahme über die atomistische Konkurrenz ist für die Neoklassik auf dem Arbeitsmarkt allerdings dann aufgehoben, wenn sich die Arbeitskraftanbieter in Koalitionen (Gewerkschaften) zusammenschließen oder der Staat gesetzliche Regelungen wie Kündigungsschutz oder Mindestlöhne festsetzt.

Auch nimmt die Neoklassik an, dass alle Anbieter auf einem spezifischen Arbeitsmarkt homogen sind, das heißt gleich produktiv und gegeneinander austauschbar.

Es kommt zu keiner Diskrimminierung von Arbeitskraftanbietern. Der Arbeitsmarkt setzt sich aus den beiden Seiten Arbeitsangebot und Arbeits- nachfrage zusammen.

Als Folge des Marktprozesses stellt sich dann ein Arbeitsmarktgleichgewicht ein. Das Arbeitsangebot ist dabei durch eine Nutzenabschätzung der Haushalte determiniert.

In der neoklassischen Sicht stiften den Haushalten zwei Güter einen Nutzen: der Konsum und die Freizeit, wobei der Konsum nur durch Arbeit realisiert werden kann.

Ob eine Arbeit aufgenommen werden soll oder nicht, hängt demnach von den individuellen Budget- und Zeitbeschränkungen ab (Wagner/Jahn 1997: 10). Zu bedenken ist dabei, dass das eine Gut nur durch Verzicht auf das andere Gut ausgedehnt werden kann.

Das Arbeitsangebot hingegen ist durch das Wertgrenzprodukt der Arbeit determiniert. Ein Unternehmen wird soviel Waren wie möglich produzieren, solange der Verkaufspreis die Grenzkosten deckt. Solange also zusätzliche Arbeit zumindest die eigenen Kosten deckt, wird sie nachgefragt.

Um Störungen auf dem Arbeitsmarkt zu verhindern, werden von den Neoklassikern folgende Erfordernisse genannt (Schmidt 1984: 111):

1. Die Verbesserung der Informationen auf dem Arbeitsmarkt über Angebot und Nachfrage und eine Berufsberatung über vorhandene Berufsmöglichkeiten und künftige Entwicklungen

2. Die Verbesserung der Mobilität der Arbeiter in sektoraler, regionaler, beruflicher und qualifikatorischer Hinsicht durch Information und finanzielle Unterstützung.

Bei der qualifikationsmäßigen Mobilität wird dabei davon ausgegangen, dass der technische und wirtschaftliche Wandel sowie die Knappheitsbedingungen zwischen Kapital und Arbeit zunehmend höhere Qualifikationen erfordern.

3. Durch die Einsicht in den neoklassischen Wirkungsmechanismus sollen Machtfaktoren bei der Lohnbestimmung zurückgedrängt werden, um die Funktionsfähigkeit des Lohnmechanismus wieder herzustellen.

Schlussbetrachtung

Eine Mehrzahl an Kritikpunkten sind zu den neo/klassischen Vorstellungen über den Arbeitsmarkt sind zu nennen. Hierbei ist zwischen einer grundsätzlichen und einer fachlichen Kritik zu unterscheiden.

Eine grundsätzliche Kritik wurde zum Beispiel von Seiten der Marxisten aber auch durch den sogenannten Kritischen Rationalismus erhoben (Fischer/Heier 1983: 59).

Von letzteren wurde der Neoklassik ein Leerformelcharakter ohne empirische Relevanz und Gültigkeit vorgeworfen. Der Marxismus hingegen stellte das gesammte kapitalistische Wirtschaftssystem in Frage.

Die Mehrzahl der Kritiker ging allerdings nicht so weit. Vielmehr wurde das Hauptroblem in der Realitätsferne des Grundmodells gesehen.

So ist die Annahme, dass am Arbeitsmarkt vollständige Information herrscht, nicht durch die Realität gedeckt. Der Arbeitsmarkt ist vielmehr in hohem Masse durch Intransparenz gekennzeichnet. Beide Marktseiten agieren unter unvollständiger Information.

Der Arbeitgeber kennt nicht die genaue Leistungsfähigkeit des Arbeitnehmers und die Haushalte müssen Zeit und Geld aufwenden, um nach ihrem idealen Arbeitsplatz zu suchen.

Selbst wenn dieser tatsächlich vorhanden und noch nicht besetzt ist, kann die Suche eine gewisse Zeit an Arbeitslosigkeit erfordern. Es kommt zur sogenannten Sucharbeitslosigkeit.

Auch ist die Annahme, nach der die Anbieter von Arbeit ein Präferenzsystem besitzen und ihre Arbeitszeit ausschließlich selbst festlegen, nicht zutreffend (Fischer/Heier 1983: 61).

Ersteres setzt eine Nutzenabschätzung von Grenznutzen und Grenzleid von Arbeit voraus, die so eben bei vielen Menschen einfach nicht vorhanden ist. Zweiteres ist schon auf Grund der Determiniertheit von Produktionsprozessen nicht möglich.

Ein Bandarbeiter in einer Automobilfabrik kann nicht aus freien Stücken heute acht und morgen vier Stunden arbeiten. Dies widerspricht der Geplantheit und Rationalität solcher Prozesse.

Im neoklassischen Modell verhandeln die Arbeitnehmer individuell mit den Unternehmen über ihre Löhne. In der europäischen Praxis dürfte dies jedoch die Ausnahme sein.

Die Regel ist vielmehr, dass die Interessen der Arbeitnehmer von einer Gewerkschaft wahrgenommen werden. Der Arbeitsmarkt ist per se durch eine Machtasymmetrie zu Gunsten der Arbeitgeber gekennzeichnet.

Viele Arbeitnehmer haben gar nicht die materiellen Ressourcen, um sich lange Verhandlungen leisten zu können. Dem helfen Gewerkschaften ab, indem sie durch die Androhung von Streiks und anderen Kampfmassnahmen günstigere Bedingungen als der einzelne Arbeitnehmer aushandeln kann.

Auch ist zu bedenken, dass die Existenz von Gewerkschaften eine enorme Komplexitätsreduktion, insbesondere für Groß- unternehmen, bedeutet.

An Stelle mit tausenden einzelnen Arbeitnehmern verhandeln zu müssen, haben die Unternehmen einen Ansprechpartner.

Weiterhin werden im neoklassischen Modell alle Güter, und somit auch die Arbeit als homogen angenommen.

Zum einen unterscheiden sich allerdings die Menschen in ihren Fähigkeiten und Berufen sehr stark. Zum anderen kann es durch den Wegbruch ganzer Branchen nahezu unmöglich werden, in einem bestimmten Beruf Arbeit zu finden.

Die erworbenen Fähigkeiten werden bedeutungslos und besitzen keinen weiteren Marktwert. So können qualifizierte Arbeitnehmer auf den gleichen Status wie unqualifizierte Arbeitnehmer herabgedrückt werden.

Auch widerspricht die relative Bedeutung des Alters der Annahme von der Arbeit als homogenes Gut.

Viele Unternehmen stellen Arbeitsuchende ab einem bestimmten Alter grundsätzlich nicht ein. Ihre Bewerbungen werden abgelehnt, ohne sie zu einem Vorstellungsgespräch zu laden.

So können sie noch nicht einmal von sich aus die Annahme schlechterer Arbeitsbedingungen vorschlagen, und somit im neoklassischen Sinn die Arbeitsplatzkonkurrenz unterbieten.

Ein historisch bedeutsamer Kritikpunkt betrifft die angenommene Flexibilität der Löhne. Wie die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1928 bis 1936 zeigte, können selbst in Krisenzeiten Löhne und Preise relativ stabil sein.

Es kommt vielmehr zu dem von Keynes beschriebenen Phänomen des Marktgleich- gewichts bei Unterbeschäftigung.

Das Versagen der “Selbstheilungskräfte” der Märkte, brachte die Neoklassik für einige Jahrzehnte in Mißkredit. An ihre Stelle trat eine durch Staatsinterventionen gekennzeichnete Wirtschaftspolitik.

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